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Warum Streicheln beim Hund nicht immer „gut“ ist

Warum Streicheln nicht immer „gut“ ist

Lesedauer:

08 Min.

Wissensstufe:

Beginner

Artikel als Podcast verfügbar:

Was wir Menschen als liebevolle Zuwendung meinen, kann bei Hunden je nach Situation, Beziehung und Berührungsart Stress auslösen. Streicheln ist für einen Hund nicht automatisch „nett“, sondern immer eine Form von Kommunikation – und die kann je nach Kontext völlig unterschiedlich ankommen.

Warum Streicheln nicht immer „gut“ ist

Berührung kann für uns sehr wohltuend sein. Studien haben aufgezeigt, dass der Kontakt mit Hunden beim Menschen Stress reduzieren kann, zum Beispiel indem Herzfrequenz, Blutdruck und der Cortisolspiegel sinken. Das sagt aber erst einmal nur etwas über uns aus. Für den Hund kann Berührung ebenfalls angenehm sein – oder eben unangenehm, überfordernd oder bedrohlich, wenn Zeitpunkt, Intensität oder Situation nicht passen.

Ein wichtiger Gedanke ist dabei: Nur weil ein Hund „da ist“ oder sogar Nähe zulässt, bedeutet das nicht automatisch, dass er jetzt auch gestreichelt werden möchte. Viele Hunde tolerieren Berührung, weil sie gelernt haben, dass Menschen das gern machen – nicht, weil es für sie gerade wirklich angenehm ist.

Kontext ist alles: Draußen, im Training und zu Hause ist nicht dasselbe

Ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Berührungen haben je nach Umgebung einen anderen Kontext. Zu Hause, in der eigenen „Höhle“, sind viele Hunde deutlich entspannter. Der Geruch ist vertraut, es gibt weniger Reize, weniger Bewegungen, weniger Unvorhersehbares. Draußen – oder im Training – kann dieselbe Berührung ganz anders wirken, weil der Hund gleichzeitig Umweltreize verarbeitet: fremde Menschen, andere Hunde, Geräusche, Gerüche, Leinenzug, Erwartungshaltung.

Im Training kommt noch etwas dazu: Berührung ist häufig nicht nur „Zuneigung“, sondern ein Signal. Manchmal wirkt sie bestätigend, manchmal baut sie Druck auf („Jetzt mach doch!“), manchmal pusht sie unabsichtlich auf. Und nicht jeder Hund kann in einer fordernden oder aufregenden Situation Berührung gut einordnen. Deshalb lohnt es sich, bewusst zu prüfen: Hilft meinem Hund Berührung in dem Moment wirklich – oder nehme ich ihm damit eher die Möglichkeit, sich zu sortieren?

Fremde Hunde: Erst fragen, dann beobachten, dann entscheiden

Bei unbekannten Hunden gilt: niemals einfach hingreifen. Du weißt nicht, ob der Hund Berührungen mag, ob er Schmerzen hat, ob er schlechte Erfahrungen gemacht hat oder ob er gerade angespannt ist. Ein zentraler Punkt dabei ist: Man kann nicht einschätzen, ob ein fremder Hund das Anfassen als Bedrohung versteht, Angst bekommt und möglicherweise aggressiv reagiert. Ebenso wenig ist klar, welche Körperstellen er überhaupt angenehm findet.

Ein typischer Fehler passiert besonders häufig: Menschen beugen sich über den Hund und tätscheln den Kopf. Diese Bewegung wirkt auf viele Hunde einschüchternd. Viele ziehen den Kopf reflexhaft zurück, um Unbehagen zu zeigen. Unsichere Hunde können sich dabei so bedrängt fühlen, dass sie schnappen – nicht „aus Bosheit“, sondern weil sie Distanz herstellen wollen.

Besser ist: Halter fragen, auf Augenhöhe bleiben, den Hund entscheiden lassen. Wenn der Hund von sich aus näherkommt, locker wirkt und interessiert schnüffelt, kann man – wenn der Halter zustimmt – eher seitlich und ruhig am Rücken oder an der Brust Kontakt anbieten. Und auch dann: lieber kurz, freundlich, sanft, und zwischendurch prüfen, ob der Hund das wirklich möchte.

Nähe suchen heißt nicht automatisch „Streicheln bitte“

Ein wichtiger Unterschied, den viele übersehen: Körperkontakt und Streicheln sind nicht dasselbe. Manche Hunde suchen Nähe, weil sie Sicherheit wollen, weil sie sich anlehnen möchten, weil sie den Raum teilen wollen – aber sie mögen keine Hand, die sich bewegt. Für diese Hunde ist „neben dir liegen“ oder „Körper an Körper stehen“ okay, während Streicheln schnell zu viel wird. Das sieht man häufig bei sensiblen Hunden oder bei Hunden, die noch lernen müssen, dass Berührung berechenbar und angenehm sein kann.

Ein Hund sagt „Nein“ – leise, aber klar

Viele Hunde kommunizieren sehr deutlich, dass sie gerade keinen Körperkontakt möchten. Zeichen können sein: Kopf wegdrehen, zur Seite schauen, ducken, weggehen. Auch zusammengekniffene Augen, nach hinten gerichtete Ohren oder ein plötzliches Erstarren („Freeze“) sind Warnhinweise. Gerade dieses Steifwerden wird oft übersehen, weil es so still ist – dabei ist es häufig ein sehr klares „Bitte hör auf“.

Und ja: Es kann für uns enttäuschend sein, abgewiesen zu werden. Aber Grenzen zu respektieren ist Beziehungspflege. Ein wichtiger Gedanke dazu lautet: Hunde sind nicht dafür da, dass wir sie anfassen können.

Ruhesignal aufbauen: Streicheln kann helfen – aber nur, wenn es wirklich beruhigt

Beim Aufbau eines Ruhesignals kann Berührung durchaus unterstützend wirken – vorausgesetzt, sie ist für den Hund tatsächlich entspannend. Gerade am Anfang sollte man sehr bewusst evaluieren, ob der eigene Hund das schon akzeptiert und auch wirklich mag. Das gilt besonders, wenn ein Hund frisch eingezogen ist und möglicherweise aus dem Tierschutz kommt. In dieser Phase sind viele Hunde noch im „Ankommen“: alles ist neu, Routinen fehlen, Stresslevel sind oft erhöht, manche Hunde sind überfreundlich oder sehr „nah“ aus Unsicherheit – andere wirken zunächst erstaunlich unbeeindruckt und zeigen erst später, was sie eigentlich belastet.

Wenn du ein Ruhesignal mit Berührung kombinieren möchtest, achte deshalb auf zwei Dinge: erstens, ob dein Hund dabei sichtbar weicher wird (Atmung ruhiger, Muskulatur lässt nach, Gesicht entspannt, Augen werden weicher), und zweitens, ob er die Berührung aktiv sucht oder zumindest gern annimmt. Wenn er nur „aushält“, still wird, aber dabei steif bleibt oder wegschaut, ist das kein gutes Fundament für ein Entspannungssignal.

Ein hilfreicher Ansatz ist, Berührung als Angebot zu verstehen: Du beginnst sanft, machst kurze Pausen, und schaust, ob dein Hund näher rückt, sich anlehnt oder entspannt liegen bleibt. Wenn er sich wegdreht, aufsteht oder die Spannung steigt, war es in dem Moment eher nicht passend.

Wie Streicheln für viele Hunde wirklich angenehm wird

Viele Hunde finden Berührung dann am angenehmsten, wenn sie vorhersehbar, sanft und langsam ist. Kein hektisches Tätscheln, kein schnelles Hin-und-her-Wuscheln, kein „gegen das Fell“ rubbeln. Oft wirkt eine lange, ruhige, gleichmäßige Bewegung besonders entspannend: vom Nacken sanft über den Rücken ziehen und dann wieder von vorn beginnen.

Wichtig dabei: Die Bewegung bleibt weich und oberflächlich. Die Oberhaut sollte sich dabei nicht deutlich mitverschieben. Der Kontakt gleitet wirklich nur sanft über das Fell hinweg, nicht drückend und nicht gegen die Fellrichtung. Das macht die Berührung für viele Hunde leichter zu verarbeiten, weil sie weniger „körperlich eingreifend“ ist und eher wie ein ruhiger, gleichmäßiger Reiz wirkt.

Welche Stellen bevorzugt werden, ist individuell, aber häufig sind Halsbereich, Brust und seitliche Bereiche angenehmer als der Kopf. Kopfstreicheln kann schnell zu direkt wirken – vor allem, wenn die Hand von oben kommt.

Fazit: Streicheln ist ein Dialog, kein Standardprogramm

Ob Streicheln passt, hängt nicht nur vom Hund ab, sondern auch vom Moment: zu Hause oder draußen, entspannt oder aufgeregt, vertraut oder fremd, still oder im Training. Wenn du Berührung als Angebot verstehst, die Körpersprache ernst nimmst und die Qualität der Berührung bewusst wählst, wird Streicheln für viele Hunde wirklich zu dem, was wir uns darunter vorstellen: eine angenehme, verbindende Form von Kontakt – statt etwas, das sie nur ertragen.

Hoffentlich konnten wir dir weiterhelfen, wenn nicht, dann trete mit uns in Verbindung und wir helfen dir gerne persönlich:

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