Ball um Ball: Warum Dauerwerfen Hunde eher stresst als auslastet
Beim Spazierengehen sehe ich es leider immer öfter: Hund-Mensch-Teams kommen mir entgegen, und schon bevor wir uns begegnen, ist klar, wie der Weg abläuft. Der Mensch geht, wirft den Ball, der Hund schießt los, bremst hart ab, schnappt ihn, bringt ihn zurück, der Mensch wirft wieder. Und wieder. Manchmal über eine Strecke von mehr als einem Kilometer – bis zu unserer Begegnung und danach genauso weiter. Kein Schnüffeln, kein Schauen, keine Pause. Für viele wirkt das wie „perfekte Auslastung“, weil der Hund so viel rennt. In Wahrheit ist es oft der direkte Weg in ein Problem: den Balljunkie.
Wichtige Kriterien sind eure Ziele
Was dabei passiert, ist nicht nur eine Frage von Erziehung, sondern auch von Biochemie. Ballwerfen triggert bei vielen Hunden Jagdsequenzen: Fixieren, Hetzen, Packen, Zurücktragen. Das ist hochgradig belohnend – und setzt Botenstoffe frei, die den Hund in einen regelrechten Kick bringen. Vor allem Dopamin spielt hier eine Rolle: Es steht für Erwartung und dieses nervöse „Mehr!“. Dazu kommen Adrenalin und Noradrenalin, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Der Hund ist dann nicht einfach fröhlich, sondern unter Spannung. Genau deshalb sieht man bei Ballhunden so oft glasige Blicke, hohen Muskeltonus und dieses permanente Einfordern.
An dieser Stelle kommt oft das Argument: „Aber er hat doch so Schmerzen an den Gelenken – und beim Ballspielen geht es ihm wieder gut.“ Das klingt fürsorglich, ist aber wenig klug. Denn häufig geht es dem Hund nicht deshalb besser, weil die Gelenke besser sind, sondern weil er im Botenstoffzustand Schmerz schlechter wahrnimmt. Der Körper ist auf Aktion gepolt, nicht auf Schonung. Und gerade bei Hunden mit Gelenkproblemen kann das fatal sein: Ballspiele enthalten viele abrupte Stopps, enge Wendungen, Sprünge und rutschige Antritte. Diese starken Bremsbewegungen belasten Schultern, Ellbogen, Knie und Wirbelsäule – und sie können Beschwerden verschlimmern, weil der Hund sich im Rausch über seine Grenzen bewegt.
Genauso häufig höre ich: „Aber er fordert es immer ein – und er beruhigt sich ohne Ball nicht.“ Auch das ist kein gutes Argument, sondern ein Symptom. Wenn ein Hund nur dann „zufrieden“ wirkt, wenn er seinen Ball bekommt, ist das kein Beweis dafür, dass er ihn braucht – sondern dafür, dass man ihn daran gewöhnt hat. Das ist in etwa so, als würde ein Dealer bedauern, dass sein Kunde ohne Stoff nicht mehr runterkommt, und sich dafür feiern, dass er ihn weiter versorgt. Natürlich fordert der Hund es ein. Er hat gelernt, dass dieser Reiz seinen Kick auslöst – und dass der Mensch ihn zuverlässig liefert. Das Ergebnis ist nicht echte Ausgeglichenheit, sondern Abhängigkeit von einem Erregungszustand.
Das heißt nicht, dass Bälle tabu sind. Ein Ball kann eine sinnvolle, gezielte Belohnung sein – kurz, dosiert, bewusst eingesetzt. Auch einzelne Spieleinheiten sind kein Problem, wenn der Hund danach wieder runterfahren darf. Kritisch wird es dort, wo permanent geworfen wird, als Dauerbeschäftigung über die ganze Runde hinweg. Dann wird aus Spiel ein Dauerreiz, aus Freude ein Getriebensein – und aus Auslastung ein Stressprogramm mit hohem Cortisolpegel, Unruhe und immer weniger echter Erholung.
Wer Ballspiele nutzen will, kann sie so gestalten, dass nicht nur Hetzen belohnt wird, sondern auch Selbstkontrolle und Nase. Zum Beispiel: Der Hund sitzt neben dir. Du wirfst den Ball ins hohe Gras, der Hund sieht dabei zu – und muss ein paar Sekunden aushalten. Erst auf ein klares Signal wie „Such“ oder „Bring“ darf er losstarten, den Ball suchen und holen. So entsteht Struktur statt Endlosschleife.
Fazit
Unterm Strich ist es simpel: Dosiertes Spiel ist okay, gezieltes Belohnen mit dem Ball kann sinnvoll sein. Problematisch ist das permanente Werfen ohne Pause und ohne Ende. Es hält viele Hunde im Stressmodus, macht sie unruhig und sorgt dafür, dass sie nach dem Spaziergang nicht zur Ruhe kommen – obwohl genau das eigentlich das Ziel sein sollte.



